Hinweis: Dieses Stück wurde durch das Stück "Comptine d'Un Autre Été" von Yannn Tiersen geschrieben und inspiriert.
Es empfiehlt sich jenes beim lesen zu hören.

Das Kastanienkind

Still schweigend badet eine karge Gestalt am tiefen Abend im Dämmerlicht.

Leicht gebeugt, aber voller Spannung in Lauerstellung mit einem abgenutzten Gehstock in der Hand. Fast verschieden zeichnet sich gar kaum mehr der Schatten einer alten knorrigen Kastanie auf dem Wesen ab, dass da so still gespannt in seiner eigenen Stille den Moment fristet.
Von Weitem spielen die Silhouetten der Gestalt und der Kastanie miteinander, sie sind vom selben Schlag und man möge meinen beide sprechen durch die Stille miteinander.


 

Eine Brise streicht durch die Herbstfarbenen Blätter und mit einem mütterlichen Grinsen lässt das alte Gewächs eine einzelne Kastanie sich aus der Umarmung lösen.
Sie fällt ganz langsam.
Der Mann mit dem Stock schleift sich mit jugendlichem Eifer hinüber und fängt sie beinahe akrobatisch auf. Fluchend jauchzend genießt er den pieksenden Schmerz der Hülle und hält sie in seinen schwieligen Händen wie einen Schatz gefangen.


 

Bald schält sie der Mann auf seinem Nachhauseweg, ganz vorsichtig. Seine wässrigen Augen leuchten voller kindlicher Freude im Schein der Straßenlaternen.


 

Voller Enthusiasmus stürmt er so schnell er und seine Gelenke können, in seine Wohnung, um das kostbare Gut an den einen Platz in seinen Gedanken zu bringen.
Ach die Vitrine ist voller altem Ramsch.. Er hält inne, setzt sich schließlich vor sie und stellt das Gut vor sich selbst besorgt sachte auf den Boden.


Der alte knackrige Großvater verzieht sein Gesicht, dabei bewegen sich die rauen dicken Stoppeln, an die sich die kleinen Krater zieren, die sich durch viele viele Nassrasuren gebildet haben. Mit all den nahen tiefen Falten bewegen sie sich, wie Herbstwellen oder wie ein Feld voller Getreidestoppeln über das ein rauer Wind fährt.


 

Die Vitrine ist voll, lauter erzwungene Erinnerungen.. Postkarten mit schönen Bildern von Orten, eine Weihnachtsmarkttasse, Götzen...
Schwerfällig öffnet er die Türe.
Danach wischt er mit der ihm dem alter zulässigen energischen Kraft alles herraus.
Er schließt wieder die Türe und starrt auf den Boden.
Ein Haufen voller billiger Erinnerungen, in Scherben liegen sie jetzt, Macken haben sie, geknickt sind sie!
Ihm gefällts.


 

Eine kleine Regung mit einem hauch Lächeln spielt durch sein Gesicht, wie ein subtiler Finger über eine Harfe streicht.
Mit dieser kleinen Kraftwelle gibt er seinen alten Gliedern wieder einen Ruck zum erneuten Aufbruch. Schwer verkraften sie die plötzlich viel gewordenen Aktivitäten in den letzten Stunden und wehren sich lethargisch gegen die gewollte Bewegung.


 

Der Besen; aus Reisig, das durch jahrelange Benutzung kümmerlich geschrumpft ist. Zumindest sehen die Borsten so aus, so sinniert er, und streicht sich damit, zum Ärgernis der Besenhaare wegen des ungewohnt groben Reinigungsgrundes, über die rauen Bartstoppeln.
Er summt.
Kurz.
Ein bisschen.
Es hat ja niemand gehört.
Oder doch? Er lugt durch einen Rollladenschlitz.
Nur die junge Nacht und die mit dem Charme des Laubes durchzogene Abendluft.

 

Die Dinge auf dem Boden,
weg gekehrt durch die nächste Türe,
vorsichtig dabei die Kastanie umschifft.


 

Er setzt sich langsam ohne jegliche Eile wieder vor die schalenlose Frucht.
Vorsichtig wie ein Kartenhaus nimmt er die braune Kastanie vom Boden auf und legt sie ganz langsam mit ganz viel Zeit und mit einer Achtsam- und Sachlichkeit, von der ein Silberschmied träumt, in die Vitrinenmitte.


 

Bedächtig klamm und ehrfürchtig versonnen sitzt er wieder vor der Vitrine. Jetzt geht es ihm wieder besser, er ist glücklich.

Der Holzofen brennt und spendet sein wärmendes behagliches Licht und flackert beruhigend auf den Zügen des Gesichtes.

Schön warm hat er es und er schließt die Augen und stirbt.


 


 

Draußen fängt es an zu schneien.

 

Eine zarte Träne löst sich in den alten Wimpern der Jahre und rinnt über das Pergament der Wüste mit dem Wasserzeichen des Lebens um am einsamen Kinn zu enden, einen Teil von sich selbst zurück lassend, um zu fallen, schwebt die Träne in der Stille, bricht tausende Strahlen, fällt durch die offene Hand und löst sich auf - im nichts um für immer und ewig hier als Gedenken zu weilen. Als nichts im hier - um zu sein.